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FFF-017: Der Rentenbetrug: Was 45 Jahre Kapitalmarkt wirklich gebracht hätten

Rentenbetrug: Rente kapitalgedeckt: Was wäre, wenn wir investiert hätten?

Wenn man einmal sehen möchte, wohin es führt, wenn Kapital nicht für einen arbeiten darf, muss man sich nur die gesetzliche Rentenversicherung in Deutschland anschauen. Für mich ist das, was hier über Jahrzehnte gelaufen ist, nicht weniger als ein Rentenbetrug am eigenen Volk – und genau das möchte ich in diesem Beitrag mit Zahlen belegen.

Das deutsche Rentensystem funktioniert nach dem sogenannten Umlageverfahren. Die aktuell arbeitende Generation zahlt mit ihren Beiträgen – aktuell 18,6 Prozent des Bruttolohns, hälftig von Arbeitnehmer und Arbeitgeber getragen – direkt die Renten der heutigen Rentnergeneration. Es wird nichts angespart, nichts investiert, nichts arbeitet für einen. Das Geld fließt rein und sofort wieder raus.

Genau das ist auch das Problem. Solange viele Beitragszahler wenige Rentner finanzieren, funktioniert das prima. Aber bei einer alternden Gesellschaft mit sinkender Geburtenrate kippt dieses Verhältnis zunehmend – und genau das erleben wir gerade. Immer weniger Erwerbstätige müssen für immer mehr Rentner aufkommen.

Ich frage mich seit Jahren: Wäre das Problem heute genauso groß, hätte man diese Beiträge stattdessen in Fonds, ETFs oder andere Sachwerte investiert? Also habe ich es einfach mal durchgerechnet.

Die Modellrechnung: Was der Rentenbetrug wirklich kostet

Um das Ganze realistisch zu machen, habe ich mir eine komplette Erwerbsbiografie angeschaut – orientiert am sogenannten „Eckrentner“, also 45 Beitragsjahre, dem offiziellen Referenzmodell der Deutschen Rentenversicherung. Genau anhand dieser Zahlen lässt sich der Rentenbetrug am besten greifbar machen.

Meine Annahmen, bewusst konservativ gehalten und komplett in heutiger Kaufkraft gerechnet (also inflationsbereinigt, damit die Zahlen am Ende mit dem heutigen Rentenniveau vergleichbar sind):

  • Startgehalt: 35.000 Euro brutto im ersten Berufsjahr
  • Reales Gehaltswachstum: 1,5 Prozent pro Jahr durch Erfahrung und Beförderungen (Enddgehalt nach 45 Jahren: rund 67.400 Euro, Durchschnittsgehalt über die gesamte Laufbahn: rund 49.500 Euro – das liegt bewusst nah am tatsächlichen deutschen Durchschnittsentgelt von aktuell rund 50.500 Euro)
  • Beitragssatz: 18,6 Prozent des Bruttogehalts, also exakt der Betrag, der heute ohnehin an die Rentenversicherung fließt
  • Erwerbsjahre: 45 Jahre, ohne Unterbrechung
  • Rendite: vier Szenarien mit 4, 6, 8 und 10 Prozent realer Rendite pro Jahr – von konservativ bis optimistisch, orientiert an der historischen Bandbreite breit gestreuter, überwiegend aktienbasierter Portfolios über sehr lange Zeiträume

Jeder Jahresbeitrag wächst dabei bis zum Renteneintritt weiter am Kapitalmarkt. Insgesamt kämen über die 45 Jahre rund 414.000 Euro an eingezahlten Beiträgen zusammen – nominal betrachtet exakt derselbe Betrag, der auch heute ins Umlagesystem fließen würde.

Was am Ende dabei herauskäme

Rendite p.a. (real)Kapital bei RenteneintrittMonatliche Rente bei Kapitalerhalt*Monatliche Rente bei Verzehr über 20 Jahre**
4 %1.052.652 €2.632 €5.896 €
6 %1.811.085 €4.528 €10.144 €
8 %3.241.333 €8.103 €18.156 €
10 %5.976.172 €14.940 €33.474 €

Kapitalerhalt: Es wird nur die Rendite entnommen (hier mit 3 % angesetzt), das Kapital selbst bleibt erhalten und könnte theoretisch vererbt werden. **Verzehr über 20 Jahre: Das gesamte Kapital wird über 20 Jahre gleichmäßig aufgebraucht (bei 3 % Restrendite während der Entnahmephase).

Zum Vergleich: Die aktuelle gesetzliche Standardrente – also das, was ein „Eckrentner“ nach 45 Beitragsjahren zum Durchschnittsgehalt tatsächlich bekommt – liegt bei rund 1.913 Euro brutto im Monat (Stand Juli 2026).

Selbst im konservativsten Szenario mit 4 Prozent realer Rendite, bei dem das Kapital nicht einmal angetastet wird, käme mit 2.632 Euro im Monat mehr heraus als bei der heutigen Standardrente. Bei 6 Prozent realer Rendite – historisch für breit gestreute Aktienportfolios über sehr lange Zeiträume nicht unrealistisch – wäre es mehr als das Doppelte. Und bei 10 Prozent, dem optimistischen Szenario, wäre der Unterschied schlicht absurd: fast das Achtfache der heutigen Standardrente, ohne das Kapital überhaupt anzutasten. Genau diese Lücke ist für mich der eigentliche Rentenbetrug: Geld, das Monat für Monat spurlos verschwindet, statt für die Menschen zu arbeiten, die es erwirtschaftet haben.

Der eigentliche Gamechanger beim Rentenbetrug: Das Kapital wird gar nicht verzehrt, es wächst weiter

Die meisten Menschen stellen sich eine Rente aus einem Depot ungefähr so vor: Man zehrt das Ersparte langsam auf, bis irgendwann nichts mehr übrig ist. Genau das muss aber gar nicht sein. Wenn man nicht mehr entnimmt, als das Kapital an Rendite erwirtschaftet, wird das Kapital nicht kleiner – es wächst sogar weiter. Und das, obwohl man jeden Monat eine ordentliche Rente ausgezahlt bekommt.

Das Prinzip ist simpel: Solange die Entnahme niedriger ist als die Rendite, bleibt am Ende jedes Jahres ein Plus übrig, das wieder mitwächst. Rechnen wir das konkret durch – mit einer festen jährlichen Entnahme von 3 Prozent des Startkapitals (das entspricht der bekannten „sicheren Entnahmerate“ aus der Finanzplanung) und einer bewusst vorsichtigen Rendite von 4 Prozent während der Rentenphase, deutlich defensiver als in der Ansparphase.

Rendite in der AnsparphaseKapital bei RenteneintrittMonatliche Rente (3 % Entnahme)Kapital nach 25 Jahren RenteKapital ist gewachsen um
4 %1.052.652 €2.632 €/Monat1.438.432 €+36,6 %
6 %1.811.085 €4.528 €/Monat2.474.819 €+36,6 %
8 %3.241.333 €8.103 €/Monat4.429.229 €+36,6 %
10 %5.976.172 €14.940 €/Monat8.166.344 €+36,6 %

Am Beispiel des 6-Prozent-Szenarios sieht das Jahr für Jahr so aus:

Jahr der RenteKapital zu JahresbeginnMonatliche Rente × 12Zuwachs (4 % auf Restkapital)Kapital zum Jahresende
11.811.085 €54.333 €70.270 €1.827.023 €
51.878.763 €54.333 €72.977 €1.897.408 €
101.979.749 €54.333 €77.017 €2.002.433 €
152.102.613 €54.333 €81.931 €2.130.212 €
202.252.097 €54.333 €87.911 €2.285.675 €
252.433.966 €54.333 €95.185 €2.474.819 €

Nach 25 Jahren Rente – man ist dann rechnerisch 90 Jahre alt – ist das Kapital nicht etwa aufgebraucht. Es ist sogar um mehr als ein Drittel gewachsen, obwohl die ganze Zeit über monatlich 4.528 Euro entnommen wurden. Und dieser Effekt gilt, wie die erste Tabelle zeigt, für alle vier Renditeszenarien gleichermaßen: ein Plus von 36,6 Prozent nach 25 Jahren, unabhängig vom Startkapital.

Das bedeutet konkret: Das Geld wird nie wirklich verzehrt. Es bleibt zu jedem Zeitpunkt vollständig erhalten – und vollständig vererbbar. Die eigenen Kinder würden am Ende nicht nur nichts verlieren, sondern ein sogar noch größeres Vermögen übernehmen, als bei Renteneintritt vorhanden war. Im heutigen Umlagesystem verschwindet dagegen jeder eingezahlte Euro nach dem Tod spurlos – nichts davon geht an die eigene Familie über.

Warum ich trotzdem fair bleiben will

Bei einer Zahl, die so deutlich für sich spricht, gehört Ehrlichkeit dazu, auch wenn ich den Begriff Rentenbetrug bewusst gewählt habe. Ein paar Einschränkungen, die man nicht unterschlagen sollte:

Erstens: Eine Rendite ist niemals garantiert. Die 4, 6, 8 und 10 Prozent sind langfristige Durchschnittswerte – in der Realität gibt es Crashs, Krisen und Jahre mit negativer Rendite. Wer ausgerechnet kurz vor dem Renteneintritt einen Crash erwischt, hat ein echtes Problem (das sogenannte Sequenzrisiko). Ein realistisches System bräuchte deshalb einen Mechanismus, der genau davor schützt, etwa durch eine schrittweise Umschichtung in risikoärmere Anlagen gegen Ende der Erwerbsbiografie. Wichtig ist aber: Ein Crash ist in diesen Zahlen bereits mit eingepreist. Die 4 Prozent im konservativsten Szenario sind kein Best-Case-Wert, sondern ein langfristiger Durchschnitt über volle Konjunkturzyklen hinweg – mit Finanzkrisen, Dotcom-Blase und Corona-Crash bereits eingerechnet. Selbst wer mitten in seiner Erwerbsbiografie einen schweren Einbruch erlebt, würde über 45 Jahre gerechnet im Schnitt immer noch deutlich besser dastehen als im heutigen Umlagesystem.

Zweitens, zur Ehrlichkeit gehört auch: Auf all diese Beträge werden selbstverständlich noch Steuern fällig, genauso wie auf Kapitalerträge heute schon oder wie bei der gesetzlichen Rente ebenfalls Steuern anfallen. Alle genannten Zahlen sind Bruttobeträge vor Steuern, keine Nettoauszahlungen.

Drittens: Der Umstieg selbst wäre teuer. Eine Generation müsste dann sowohl die laufenden Renten der Bestandsrentner weiterfinanzieren als auch gleichzeitig einen neuen Kapitalstock für die eigene Zukunft aufbauen – die sogenannte Doppelbelastung. Auch die Bundeszentrale für politische Bildung weist darauf hin, dass ein reines Kapitaldeckungsverfahren kein Wundermittel ohne eigene Risiken ist. Selbst ein voll kapitalgedecktes System braucht am Ende wieder eine nachfolgende Generation, die die angesparten Aktien und Anleihen kauft, wenn die Sparer sie im Alter verkaufen wollen – ganz ohne Generationenvertrag geht es also auch hier nicht.

Viertens: Nicht jeder Erwerbsverlauf sieht so gerade aus wie in meinem Modell. Erwerbsunterbrechungen durch Kindererziehung, Arbeitslosigkeit oder Krankheit würden auch ein kapitalgedecktes System treffen – nur eben anders als heute, wo solche Zeiten teilweise sozial abgefedert werden.

Trotzdem bleibt für mich die Grundfrage bestehen: Warum haben wir es in Deutschland jahrzehntelang nicht einmal versucht, wenigstens einen Teil der Beiträge kapitalgedeckt anzulegen, so wie es andere Länder längst erfolgreich vormachen? Norwegen zeigt mit seinem Staatsfonds oder Schweden mit seinem kapitalgedeckten Rentenanteil, dass es durchaus Modelle gibt, bei denen Kapital für die Alterssicherung arbeitet, statt nur durchgereicht zu werden.

Reine Verarsche – der Rentenbetrug war seit Jahrzehnten absehbar

Und jetzt werde ich ehrlich unfreundlich: Für mich ist das gesamte Umlagesystem, so wie es heute noch verkauft wird, schlicht Verarsche. Nicht, weil es 1957 bei seiner Einführung eine schlechte Idee gewesen wäre. Sondern weil spätestens seit dem sogenannten Pillenknick Mitte der 1960er-Jahre – als die Geburtenraten in Deutschland spürbar und dauerhaft einbrachen – jedem, der rechnen konnte, klar sein musste, wohin die Reise geht. Nicht umsonst wurde eigens ein Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung gegründet, weil genau dieser Einbruch schon vor rund fünfzig Jahren als politisches und wirtschaftliches Problem erkannt wurde.

Man wusste es. Man hat trotzdem Jahrzehnte lang weitergemacht wie bisher, kleine Reformen hier, ein paar Prozentpunkte Beitragssatz dort, ein bisschen an der Rentenformel gedreht – aber am grundsätzlichen Konstruktionsfehler des Systems hat sich nichts geändert. Politisch war es offenbar bequemer, das Problem an die jeweils nächste Generation von Politikern weiterzureichen, als eine unpopuläre, aber notwendige Strukturreform anzugehen. Das ist keine Naturkatastrophe, die uns überrascht hat. Das war über ein halbes Jahrhundert Ansage.

Der neueste Trick im Rentenbetrug: jetzt sollen auch Selbstständige ran

Und weil das bisherige System eben nicht funktioniert, kommt jetzt der nächste Akt: Nach dem Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD sollen künftig neu gegründete Selbstständige, die keinem anderen Pflichtsystem angehören, verpflichtend in die gesetzliche Rentenversicherung einbezogen werden. Rund 2,6 bis 3,5 Millionen Selbstständige in Deutschland sind aktuell nicht pflichtversichert, ein Opt-out soll es nur bei nachgewiesener eigener Altersvorsorge geben.

Ich finde das aus zwei Gründen bemerkenswert.

Erstens ist das ein handfester Widerspruch in sich. Selbstständig zu sein bedeutet für mich vor allem eines: freiere, eigene Entscheidungen treffen zu können. Genau das ist ja der Grund, warum sich Menschen überhaupt selbstständig machen, statt sich anstellen zu lassen. Wenn man diesen Menschen jetzt vorschreibt, verpflichtend in dasselbe System einzuzahlen wie Angestellte, nimmt man ihnen genau das, was ihre Selbstständigkeit eigentlich ausmacht. Wer sowieso zwangsweise ins gleiche System einzahlen muss wie ein Angestellter, könnte sich am Ende auch gleich anstellen lassen – dann bräuchte es die Selbstständigkeit an dieser Stelle gar nicht mehr.

Und ganz praktisch kommt noch etwas hinzu: Jeder Euro, der zwangsweise ins Umlagesystem fließt, fehlt genau dort, wo er stattdessen viel mehr bewirken könnte – nämlich in der eigenen Altersvorsorge über Aktien oder ETFs, wie ich sie oben durchgerechnet habe. Gerade Selbstständige, die ohnehin schon unregelmäßiges Einkommen und keine betriebliche Altersvorsorge haben, könnten dieses Geld selbst investieren und über Jahrzehnte für sich arbeiten lassen. Stattdessen wird es ihnen entzogen und wandert in ein System, das schon bei den heutigen Beitragszahlern nicht funktioniert. Man nimmt ihnen also nicht nur die Freiheit der Entscheidung, sondern auch noch das Kapital, mit dem sie sich diese Freiheit langfristig hätten erarbeiten können.

Zweitens, und das ist für mich der eigentlich entscheidende Punkt: Es bringt dem System langfristig überhaupt nichts. Kurzfristig ja, klar – mehr Beitragszahler bedeuten mehr Geld in der Kasse, heute. Aber das ist reine Optik. Denn all diese neuen Einzahler werden irgendwann selbst zu Rentnern und erwerben genau dieselben Ansprüche wie alle anderen auch. Man verschiebt das strukturelle Problem also bestenfalls um ein, zwei Jahrzehnte nach hinten, löst es aber nicht. Das ist reine Augenwischerei, geboren aus Verzweiflung, weil man sich an die eigentliche Reform seit Jahrzehnten nicht herantraut – und trägt am Ende zu nichts bei außer ein paar zusätzlichen Jahren, in denen man das eigentliche Problem weiter vor sich herschieben kann.

Schluss mit dem Rentenbetrug: 20 Jahre Übergangszeit, dann ist Schluss

Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich das Umlagesystem nicht über Nacht abschaffen – das wäre unfair gegenüber allen, die sich heute schon auf ihre Rente verlassen. Aber ich würde es ab sofort schrittweise beenden, mit einem klaren Fahrplan über etwa 20 Jahre. Ungefähr so könnte das aussehen:

  • Bestandsschutz für heutige Rentner und kurz vor der Rente Stehende. Wer bereits Rente bezieht oder in den nächsten Jahren in Rente geht, bekommt seine Rente aus dem Umlagesystem weiter ausgezahlt wie bisher. Hier ändert sich nichts.
  • Ein wachsender kapitalgedeckter Anteil für alle anderen. Für jeden, der noch mehrere Jahrzehnte arbeitet, wird der Beitragssatz Jahr für Jahr stückweise vom Umlagesystem in ein persönliches, kapitalgedecktes Altersvorsorgekonto umgeschichtet – zum Beispiel jedes Jahr ein weiteres Zwanzigstel, bis nach 20 Jahren die komplette Umschichtung erreicht ist.
  • Ein Staatsfonds als Standardlösung, mit Wahlfreiheit. Wer sich nicht aktiv kümmern möchte, landet automatisch in einem breit gestreuten, kostengünstigen Staatsfonds nach norwegischem oder schwedischem Vorbild. Wer selbst mehr Kontrolle möchte, kann alternativ eigene ETFs oder Fonds wählen, innerhalb enger, geprüfter Leitplanken.
  • Ein Lebenszyklus-Modell gegen das Sequenzrisiko. Je näher der Renteneintritt rückt, desto automatischer wird ein Teil des Depots in risikoärmere Anlagen umgeschichtet – damit niemand ausgerechnet im falschen Jahr von einem Crash erwischt wird.
  • Übergangsfinanzierung offen und ehrlich benennen. Die Doppelbelastung, von der ich oben gesprochen habe, ist real. Sie sollte transparent über Schulden, Rücklagen oder eine befristete, klar terminierte Zusatzabgabe finanziert werden – und nicht, wie bisher üblich, einfach stillschweigend an künftige Generationen durchgereicht werden.
  • Ein Solidarfonds für wirklich Arbeitsunfähige. Die allermeisten Menschen sind arbeitsfähig – aber eben nicht alle. Wer aufgrund einer Behinderung oder schweren Erkrankung dauerhaft gar nicht oder nur eingeschränkt arbeiten kann, darf in einem kapitalgedeckten System nicht einfach durchs Raster fallen. Deshalb würde ich rund 10 Prozent der Rentenbeiträge weiterhin klassisch umlagefinanziert in einen separaten Solidarfonds einzahlen lassen, der ausschließlich diese Fälle absichert. Das betrifft eine vergleichsweise kleine Gruppe, lässt sich aber gerade deshalb auch mit einem kleinen Anteil der Beiträge solide finanzieren – ohne das übrige, kapitalgedeckte System für alle anderen zu verwässern.

Wäre das schmerzfrei? Nein. Wäre es politisch unbequem? Definitiv. Aber genau das war die Reform, die man schon vor 30 oder 40 Jahren hätte anstoßen können, als die demografische Entwicklung längst bekannt war. Jedes weitere Jahr, das man wartet, macht die Rechnung teurer, nicht billiger.

Mein Fazit

Man kann über die genauen Annahmen streiten – über die Rendite, über das Gehaltswachstum, über die Details der Übergangsphase. Aber selbst die konservativste Variante meiner Rechnung liegt bereits deutlich über dem, was das Umlagesystem heute leistet. Und der Entnahme-Effekt zeigt: Der Rentenbetrug ist am Ende sogar noch größer, als die reine Ansparrechnung vermuten lässt.

Für mich zeigt das ziemlich deutlich, was auf dem Spiel steht, wenn Kapital jahrzehntelang nicht arbeiten darf, sondern einfach nur durchgereicht wird – und wie lange dieser Rentenbetrug schon bekannt war, ohne dass etwas Grundsätzliches passiert ist. Ich fordere nicht, das Umlagesystem über Nacht abzuschaffen und heutige Rentner im Regen stehen zu lassen. Aber die Frage, warum wir in Deutschland seit dem Pillenknick vor über fünfzig Jahren nicht längst einen geordneten, schrittweisen Umstieg begonnen haben, halte ich für absolut berechtigt. Es wäre richtig gewesen, es früher zu tun. Es wäre immer noch richtig, es jetzt zu tun.

Und ich glaube, das Beste daran wäre gar nicht einmal die einzelne Zahl am Ende. Es wäre, dass auf diesem Weg praktisch jeder Mensch mit einem ganz normalen Erwerbsleben relativ einfach zu echtem Wohlstand kommen könnte – ganz ohne Lottogewinn, ganz ohne Erbschaft, ganz ohne unternehmerisches Risiko. Einfach dadurch, dass ein ohnehin schon vorhandener Pflichtbeitrag über Jahrzehnte für einen arbeitet, statt sofort wieder zu verschwinden. Genau das ist für mich der eigentliche Kern von Wohlstand für alle, nicht Gleichmacherei von oben – ein Gedanke, den ich auch in meinem Beitrag zu Aktien als sozialistischem Werkzeug weiter ausgeführt habe.

Und genau deshalb wäre mir ein Punkt besonders wichtig: Der Staat dürfte auf ein solches kapitalgedecktes System niemals wieder zugreifen dürfen. Kein Sonderopfer in der nächsten Krise, keine Zwangsanleihe, keine „vorübergehende“ Umwidmung für den nächsten Haushalt. Genau das ist ja historisch das Muster, wenn der Staat plötzlich große Kapitalstöcke unter seiner Kontrolle hat – die Versuchung, im Zweifel doch wieder darauf zuzugreifen, ist enorm. Dieses Geld müsste rechtlich so unantastbar sein wie das Grundgesetz selbst: Eigentum der einzelnen Bürgerinnen und Bürger, verwaltet, aber niemals besessen vom Staat. Nur so ließe sich der Rentenbetrug dauerhaft beenden, statt ihn nur in neuer Form fortzuführen.

– Mr. Freeman

Freeman’s Gedanke:

Ein Euro, der 45 Jahre lang am Kapitalmarkt arbeiten darf, ist etwas fundamental anderes als ein Euro, der sofort wieder ausgegeben wird.

Das Umlageverfahren verschenkt genau diesen Unterschied – über ein ganzes Erwerbsleben hinweg, bei jedem einzelnen Beitragszahler.

Und das Schlimmste daran: Man wusste es seit dem Pillenknick. Man hat es einfach ignoriert.

Vielleicht ist das der teuerste blinde Fleck der deutschen Rentenpolitik.

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