FFF-016: Sind Aktien kapitalistischer Scheiß?
Man hört es immer wieder, vor allem aus dem politisch linken Spektrum: Enteignungen. Wohnungskonzerne enteignen, Unternehmen vergesellschaften, alles dem Staat unterordnen. Aktien seien im Grunde nichts anderes als ein Werkzeug, um mit der Arbeitskraft anderer Geld zu verdienen – kapitalistischer Schrott eben.
Ich halte das für Unsinn. Und zwar aus einem Grund, der auf den ersten Blick paradox klingt: Genau genommen sind Aktien dem sozialistischen Grundgedanken näher, als die meisten glauben. Nur eben so, dass es tatsächlich funktioniert.
Was ist eine Aktie eigentlich?
Fangen wir ganz vorne an. Eine Aktie ist ein Anteil an einem Unternehmen. Nicht mehr und nicht weniger. Wenn ich eine Aktie kaufe, gehört mir ein winziger Teil dieses Unternehmens. Ich werde damit zum Kapitalgeber und trage gleichzeitig das Risiko. Läuft das Unternehmen gut, kann meine Aktie steigen und möglicherweise Dividenden ausschütten. Läuft es schlecht, kann die Aktie abstürzen. Geht das Unternehmen pleite, kann mein Geld komplett weg sein.
Das ist ein Punkt, der in der politischen Diskussion gerne vergessen wird: Der Aktionär bekommt keine Rendite garantiert. Er stellt Kapital zur Verfügung und übernimmt dafür Risiko. Der Arbeitnehmer bringt seine Arbeitskraft ein und bekommt dafür Lohn. Der Aktionär bringt sein Kapital ein und bekommt – wenn es gut läuft – eine Rendite. Und niemand zwingt mich, Aktionär zu werden. Ich kann mein Geld genauso gut auf dem Girokonto liegen lassen, ausgeben oder in eine Immobilie stecken. Ich entscheide selbst. Das nennt man Freiheit.
Die Sehnsucht nach Gleichheit
Die Träumereien der Sozialisten hören sich auf den ersten Blick gar nicht so schlecht an. Wohlstand für alle, niemand bleibt zurück, niemand wird abgehängt. Bei genauerem Hinsehen hält das aber keiner ernsthaften Prüfung stand.
Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – das war die Staatspropaganda der DDR. Fun Fact: Eigentlich ist das der berühmte Wahlspruch der Französischen Revolution von 1789. Schon daran zeigt sich, wie beliebig sich dieses Ideal instrumentalisieren lässt.
Aber wollen wir das wirklich – gleich sein? Ich finde, es gibt kaum etwas Abstoßenderes, als genauso zu sein wie jeder andere. Gleich arm, gleiche Frisur, gleicher Konsum, gleiche Wohnung, gleicher Partner. Viele verwechseln Gleichheit mit Gleichwertigkeit. Dabei ist jeder Mensch gleichwertig, ohne deshalb gleich zu sein – alles andere wäre eine Horrorvorstellung von Klonen ohne Individualität.
Und genau hier liegt für mich das eigentliche Denkproblem vieler linker Entwürfe: Wären wir tatsächlich alle gleich, gäbe es auch keinen Fortschritt und keine Innovation mehr, in keinem Lebensbereich. Wenn am Ende ohnehin immer dasselbe Ergebnis herauskommt, egal wie viel Einsatz jemand bringt, verschwindet der Antrieb, sich zu verbessern.
Die menschliche Natur akzeptiert aber keinen Stillstand. Sonst würden wir noch heute in Höhlen leben. Wir wollten schon immer uns selbst und unser Umfeld verbessern – das fängt im Kleinen an: Wir leben nicht mehr in Höhlen, sondern in Häusern, die vor Wetter und Verbrechen schützen. Sicherheit wird verbessert, das Dach wird erneuert.
Aber dieser Antrieb bleibt eben nicht beim eigenen Dach stehen. Genau derselbe Wunsch, es besser zu machen, hat uns die Dampfmaschine gebracht, die Elektrizität, Impfungen, Antibiotika, das Internet. Einzelne Menschen wollten ein Problem lösen, ein Geschäft aufbauen, etwas verbessern – und am Ende hat davon nicht nur der Erfinder profitiert, sondern die gesamte Menschheit. Kindersterblichkeit ist gesunken. Lebenserwartung ist gestiegen. Hunger, Krankheiten und Armut sind, gemessen an jeder früheren Epoche der Menschheitsgeschichte, dramatisch zurückgegangen. Nicht, weil ein Plan das so vorgesehen hätte, sondern weil unzählige Einzelne für sich selbst etwas verbessern wollten und dabei nebenbei die ganze Gesellschaft mit nach vorne gezogen haben.
Genau dieser Mechanismus fehlt dem Sozialismus in seiner reinsten Form. Wenn persönlicher Antrieb keine persönliche Belohnung mehr bringt, verschwindet nicht nur die individuelle Motivation – es verschwindet auch der Motor, der bisher für den kollektiven Fortschritt gesorgt hat. Allein deshalb halte ich den Sozialismus für zum Scheitern verurteilt.
Aktien kapitalistischer Scheiß? Warum das Gegenteil näher an der Wahrheit liegt
Der Grundgedanke des Sozialismus ist eigentlich, dass jeder an jedem Unternehmen und an jeder Wertschöpfung beteiligt ist. Was sind eigentlich Aktien? Genau das: Anteile an einem Unternehmen.
In unserer Lebensweise hat praktisch jeder die Möglichkeit, Aktien zu kaufen und damit am Erfolg von Unternehmen zu partizipieren – während man gleichzeitig selbst arbeitet und zur Wertschöpfung beiträgt. Genau genommen ist eine Aktie damit in gewisser Weise ein zutiefst sozialistisches Werkzeug. Nur mit dem entscheidenden Unterschied, dass hier tatsächlich jeder partizipieren kann, der es möchte – und nicht nur auf dem Papier, wie es uns bestimmte Propaganda gerne weismachen will.
Denn was in Wahrheit propagiert wird, ist oft eher Bauernfängerei. Am Ende landet man nicht bei geteiltem Wohlstand, sondern bei geteilter Armut.
Nur wenn wir all diese Möglichkeiten haben – Aktien zu kaufen, Wohnungen und Besitztümer zu erwerben, unsere Individualität zu leben – sind wir wirklich frei. Alles andere führt in Abhängigkeit, Armut und, wie die Geschichte zeigt, nicht selten auch in Depression.
Vielleicht brauchen wir mehr Kapitalisten
Wenn man möchte, dass möglichst viele Menschen an der wirtschaftlichen Wertschöpfung beteiligt sind, warum sollte man dann Aktien verteufeln? Warum nicht genau das Gegenteil tun – möglichst viele Menschen zu Kapitalbesitzern machen? Nicht zu Milliardären, nicht zu Großkonzernen, sondern zu kleinen Kapitalisten: 20 Euro ETF-Sparplan, 50 Euro, 100 Euro, was auch immer jemand sich leisten kann. Mit jedem Kauf wird man ein kleines Stück weit Eigentümer. Und plötzlich ist man nicht mehr nur Arbeitnehmer, sondern besitzt selbst produktives Kapital. Ich finde das großartig.
Wer lieber faul auf dem Sofa sitzen möchte, darf das selbstverständlich auch tun. Das gehört für mich sogar zur Freiheit. Nur sollte er dann bitte auch akzeptieren, dass derjenige, der 60 Stunden arbeitet, ein Unternehmen gründet, Risiko eingeht und sich den Arsch aufreißt, am Ende möglicherweise mehr besitzt. Freiheit bedeutet nicht, dass alle dasselbe Ergebnis bekommen. Freiheit bedeutet, dass jeder selbst entscheiden darf, welches Leben er führen möchte.
Ein unbequemer Blick auf die radikale Linke
An dieser Stelle noch ein Punkt, der mir wichtig ist, auch wenn er unbequem ist: Kritiker weisen seit Langem auf ein strukturelles Antisemitismusproblem in Teilen der radikalen Linken hin. Das ist keine pauschale Unterstellung an alle, die sich politisch links verorten – aber ein reales, historisch gewachsenes und akademisch gut dokumentiertes Phänomen, das man nicht einfach wegwischen sollte.
Ein Muster dabei ist die sogenannte verkürzte Kapitalismuskritik: Anstatt den Kapitalismus als abstraktes, strukturelles System zu begreifen, wird er personalisiert – aufgeteilt in „gutes, schaffendes“ Kapital (Arbeiter, Produktion) und „böses, raffendes“ Kapital (Banken, Spekulanten). Diese Unterscheidung bedient, ob gewollt oder nicht, ein jahrhundertealtes antisemitisches Stereotyp vom „jüdischen Finanzier“, der im Hintergrund die Fäden zieht.
Ein zweites Muster ist ein dogmatischer Antiimperialismus, der die Welt strikt in mächtige „Unterdrücker“ und strukturell schwächere „Unterdrückte“ einteilt. Weil Israel militärisch stark und eng mit den USA verbündet ist, wird es in diesem Raster schnell automatisch als kolonialer Unterdrücker eingeordnet – mit entsprechenden blinden Flecken bei Aggression gegen Israel oder jüdische Menschen.
Hinzu kommt oft eine Art ideologische Selbstimmunisierung: Wer sich als Teil des Kampfes gegen Faschismus und Rassismus versteht, hält es für ausgeschlossen, selbst antisemitische Denkmuster zu reproduzieren – wodurch genau das seltener reflektiert wird.
Der strukturelle Fehler des Sozialismus
Kritiker des Sozialismus und viele Historiker gehen noch weiter: Der Missbrauch, der historisch mit sozialistischen Systemen einherging, sei kein Zufall gewesen, sondern ein eingebauter Konstruktionsfehler der Theorie selbst.
Das Argument: Wer Privateigentum abschafft und die gesamte Wirtschaft staatlich plant, muss den Menschen zwangsläufig ihre wirtschaftliche Freiheit nehmen. Weil Menschen unterschiedlich begabt, fleißig oder willensstark sind, lässt sich absolute Gleichheit nur mit Zwang durchsetzen. Und um diesen Zwang auszuüben, braucht es einen übermächtigen Staat und am Ende meist auch eine Geheimpolizei. Jedes Land, das diesen Weg konsequent geht, landet nach dieser Argumentation zwangsläufig bei einer Diktatur – unabhängig davon, wie gut die ursprünglichen Absichten waren.
Friedrich A. von Hayek nannte diesen Weg in seinem berühmten Buch treffend „Der Weg zur Knechtschaft„. Seine Einschätzung lässt sich im Kern auf drei Probleme zurückführen, an denen jede Planwirtschaft aus seiner Sicht zwangsläufig scheitert.
Das Informationsproblem. In einer Marktwirtschaft regeln Preise Angebot und Nachfrage. Steigt der Preis für ein Gut, wissen Unternehmen sofort: Davon wird mehr gebraucht. Im Sozialismus bestimmt stattdessen eine staatliche Planungsbehörde Preise und Produktionsmengen – doch kein Amt der Welt kann täglich die Bedürfnisse von Millionen Menschen fehlerfrei vorausberechnen. Die Folge sind absurde Fehlplanungen: zu viele linke Schuhe, aber keine rechten, jahrelange Wartezeiten auf ein Auto.
Das Motivationsproblem. Stell dir vor, du arbeitest zehn Stunden am Tag, gründest ein Unternehmen, nimmst einen Kredit auf, setzt dein eigenes Geld aufs Spiel, beschäftigst Mitarbeiter, entwickelst ein Produkt, scheiterst vielleicht zweimal und versuchst es ein drittes Mal. Und dann kommt jemand und sagt: „Glückwunsch. Aber du darfst davon nicht mehr haben als jemand, der nichts davon gemacht hat.“ Warum sollte man das tun? Der Sozialismus setzt voraus, dass Menschen uneigennützig fürs Gemeinwohl arbeiten. Die Realität zeigt: Menschen reagieren auf Anreize. Werden Fleiß, Innovation und Risiko nicht belohnt und hat Faulheit keine Konsequenzen, sinkt die Produktivität. Es entsteht die typische sozialistische Mangelwirtschaft, weil der Antrieb zur Verbesserung fehlt.
Das Machtproblem. Entscheidet der Staat, wer welche Wohnung bekommt, welches Auto fährt und welchen Beruf man erlernen darf, liegt die gesamte Lebensgestaltung der Bürger in der Hand von Bürokraten. Diese Machtkonzentration zieht fast zwangsläufig Menschen an, die diese Macht missbrauchen wollen. Wer den Plan kritisiert, wird wirtschaftlich kaltgestellt – keine Beförderung, kein Studienplatz, keine Wohnung. Wirtschaftliche Monopolmacht wird so zur politischen Diktatur.
Der historische Blick darauf ist ziemlich ernüchternd. Man kann über Sozialismus theoretisch wunderbar diskutieren, aber irgendwann sollte man auch schauen, was passiert ist, als Staaten wie die Sowjetunion, die DDR oder das maoistische China versucht haben, große Teile der Wirtschaft zentral zu planen und Privateigentum massiv einzuschränken. Natürlich waren diese Systeme unterschiedlich und natürlich kann man nicht jede sozialistische Idee mit jedem historischen Regime gleichsetzen. Aber auffällig ist: In all diesen Fällen wurde die wirtschaftliche Freiheit massiv eingeschränkt und die politische Macht stark zentralisiert. Ausgerechnet diejenigen, die Gleichheit versprachen, mussten diese Gleichheit am Ende mit ziemlich ungleichen Machtverhältnissen durchsetzen. Das ist für mich die eigentliche Ironie.
Genau aus diesen Gründen gilt die Soziale Marktwirtschaft heute in westlichen Demokratien als der bislang erfolgreichste Kompromiss: Sie nutzt die Effizienz und Freiheit des Marktes, korrigiert aber gleichzeitig dessen Härten durch einen funktionierenden Sozialstaat und Arbeitnehmerrechte.
Mein Fazit
Aktien sind kein kapitalistischer Auswuchs, den man ächten sollte. Sie sind im Kern genau das Werkzeug, das viele Sozialisten angeblich fordern: echte Teilhabe an Unternehmen und Wertschöpfung, offen für jeden, der sie nutzen möchte. Der Unterschied ist nur, dass es hier wirklich um Teilhabe geht – und nicht um die Umverteilung in eine gemeinsame Armut.
Mir geht es dabei nicht darum, dass jeder Millionär werden muss. Das wäre genauso eine Form von Gleichmacherei, nur in die andere Richtung. Wer mit wenig zufrieden ist, bitte. Wer 20 Stunden die Woche arbeiten möchte, bitte. Wer Unternehmer werden und 60 Stunden aufbauen möchte, auch bitte. Wer lieber auf dem Sofa liegt, Bier trinkt und Netflix schaut, darf auch das. Das ist Freiheit. Nur bitte nicht anschließend vom Staat verlangen, dass jemand anderes für diese Entscheidung bezahlen muss.
Freiheit entsteht nicht durch Gleichmacherei, sondern durch Möglichkeiten: die Möglichkeit, zu investieren, Eigentum aufzubauen, individuell zu leben. Wer das abschaffen will, verspricht am Ende meist das Gegenteil von dem, was er behauptet zu wollen. Wie diese Möglichkeiten konkret aussehen können, habe ich unter anderem in meiner Freiheitspyramide beschrieben.
Gleichwertigkeit ja. Gleichheit vor dem Gesetz ja. Gleichmacherei nein.
– Mr. Freeman
Freeman’s Gedanke:
Gleichheit im Ergebnis und Freiheit schließen sich gegenseitig aus.
Man kann Menschen entweder frei entscheiden lassen – dann werden die Ergebnisse unterschiedlich ausfallen.
Oder man erzwingt gleiche Ergebnisse – dann ist man nicht mehr frei.
Eine Aktie ist für mich der Beweis, dass echte Teilhabe auch ohne Zwang funktioniert.




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